Ob Zuhause, beim Bahnfahren oder in der Arztpraxis – Produkte der Wirthwein SE aus Creglingen sind allgegenwärtig, ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen.
Das internationale Unternehmen zählt zu den bedeutenden Spezialisten für Kunststofftechnik in Deutschland und fertigt unter anderem Waschmaschinen-Türsysteme, Kabelkanäle entlang von Bahntrassen sowie vorfüllbare Kunststoffspritzen, die weltweit beispielsweise beim Impfen zum Einsatz kommen.
“Kunststoff ist ein Segen, weil es ein Wertstoff ist” - Thomas Kraus
Und Marcus Wirthwein, Vorsitzender des Aufsichtsrats, betont: „Wir tragen zum Umweltschutz bei, beispielsweise reduzieren unsere Kunststoffkabelkanäle im Vergleich zu den Alternativen aus Beton den CO2 Ausstoß um 80 Prozent. Unsere Kunststoffkomponenten in Fahrzeugen ersetzen Blechteile und tragen so zur Gewichtsreduktion bei, was den Spritverbrauch reduziert, beziehungsweise beim elektrischen Fahren die Reichweite erhöht.“ Und macht deutlich: „Wir sind kein Verpackungshersteller, dieser Müll verursacht hauptsächlich die Probleme in den Weltmeeren, weil es keinen global funktionierenden Recyclingkreislauf gibt. Wir unterstützen aktiv die Kreislaufwirtschaft, beispielsweise verarbeiten wir Rezyklate oder verkaufen diese sortenrein weiter.“
Vom Holzpflock zur Hightech-Komponente
Der Ursprung des Unternehmens reicht über 75 Jahre zurück, als Firmengründer Walter Wirthwein zunächst Holzpflöcke für den Bahnoberbau und Federballschläger fertigte. 1967 gelang der Einstieg in die Kunststofftechnik. Wirthwein produzierte als einer der ersten Partner der Bahnindustrie Dübel für die Gleisbefestigung. Mitte der 1970er übernimmt Sohn Udo Wirthwein das Familienunternehmen, das zu diesem Zeitpunkt bereits über 100 Beschäftigte zählt. Heute arbeiten weltweit rund 2.700 Menschen für Wirthwein.
Für Marcus Wirthwein, der jetzt in dritter Generation Verantwortung trägt, ist das Unternehmen Kindheitserinnerung und Lebensweg zugleich: „Ich bin auf dem Betriebsgelände in Creglingen aufgewachsen, das Wohnhaus steht heute noch dort und meine Mutter hat regelmäßig den Geschäftsbesuch verköstigt.“ Zunächst arbeitet sein Vater ausschließlich vor Ort, doch durch den Mauerfall erschließen sich neue Märkte. Ein Werk in Brandenburg entsteht, Wirthwein steigt ins Hausgerätegeschäft ein. Weitere Standorte in Deutschland, Polen, Spanien, China, der Türkei und den USA folgen. Das Unternehmen gründet und erwirbt mehrere Firmen und baut ein breites Geschäftsfeld auf – von der Bahn über Haushaltsgeräte bis zur Automobilindustrie, später ergänzt durch Medizintechnik und Technologien für die neuen Energien. Das Geschäft boomt. Doch die Erfolge werden in den vergangenen Jahren von massiven externen Krisen überschattet: Pandemie, Kriege, Lieferkettenprobleme, Rohmaterialknappheit, Energiepreissteigerungen.
“Wir haben die letzten fünf Jahre Dauerkrise. Es ist kein Jahr normal gelaufen und 2026 geht genauso weiter” - Marcus Wirthwein
Die Auswirkungen sind deutlich: In den Geschäftsfeldern Hausgeräte und Mobility verzeichnet Wirthwein im Jahr 2023 Umsatzeinbußen von rund 20 Prozent. Besonders schmerzhaft ist die Volatilität der Strom- und Ölpreise, da die Produktion von Kunststoffteilen ein sehr energieintensiver Prozess ist. Ein Aspekt, der das Unternehmen zusätzlich belastet.
Neuausrichtung: Drei Segmente mit Zukunft
Um auf wechselnde Märkte reagieren zu können, hat sich das Vorstandsteam neu aufgestellt und bereits vor drei Jahren eine strategische Weiterentwicklung beschlossen. „Wir werden uns nicht weiter diversifizieren, sondern fokussieren“, sagt Thomas Kraus. Aus den aktuell sechs Segmenten wurden drei mit starkem Wachstumspotenzial auserkoren: die Medizintechnik, der Energiesektor inklusive dem Datencentergeschäft und der Bahnoberbau. Die Neuausrichtung bedeutet Chancen und Verluste zugleich. So wird Ende dieses Jahres ein neues Werk in der Türkei eröffnet, das künftig Krankenhausverbrauchsmaterial und diagnostische Einwegartikel produziert. Gleichzeitig werden zwei Werke in Deutschland und eines in China geschlossen.
“Wir sind noch mitten in der Transformation und müssen auch weiterhin flexibel auf den Markt reagieren” - Marcus Wirthwein
Marcus Wirthwein wünscht sich dabei eine verlässlichere Politik: „Wir fühlen uns seit Jahren wie Getriebene, können uns nicht mal in Ruhe hinsetzen und uns eine langfristige Strategie überlegen.“
Führung in der dritten Generation – und vielleicht bald in der vierten
Für den Firmeninhaber war der Weg ins Familienunternehmen selbstverständlich. „Die Frage nach einer Übernahme hat sich nie gestellt, das hat sich einfach ergeben“, sagt der dreifache Vater. Seit 2005 ist er Teil der Unternehmensführung, seit Mai 2024 Vorsitzender des Aufsichtsrats. Dass eine seiner drei Töchter irgendwann das Familienunternehmen weiterführt, würde ihn freuen. Deshalb nimmt er sie bereits heute mit in den Arbeitsalltag, lässt sie ein Praktikum machen. Ein Prinzip, das er selbst von seinem Vater kennt: „Er hat mich früh mit nach Brandenburg genommen, mich eingebunden. Dieser Praxisbezug nimmt die Angst in vielleicht zu große Fußstapfen zu treten“, erzählt Marcus Wirthwein. Die Transformation bleibt für die Wirthwein SE ein dauerhafter Prozess. Die Herausforderungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell Märkte sich verändern und wie wichtig es ist, flexibel und innovativ zu bleiben. Doch mit einer klaren strategischen Ausrichtung, starken Wurzeln und einem Team, das Veränderung gewohnt ist, sieht sich das Unternehmen gut aufgestellt.
Quelle: Claudia Lösler, IHK Heilbronn-Franken




